Indiens heilige Kühe

Kühe gehören zum alltäglichen Bild in Indien und sind nicht wegzudenken von den Straßen, wo sie sich gerne als lebende Verkehrsinseln zum Widerkäuen niederlassen. Kühe auf den Highways, Kühe am Strand, Kühe in engen Altstadtgassen, Kühe überall… Von den Hindus wird die heilige Kuh verehrt und nimmt als Mutter allen Lebens und als Erfüllerin von Wünschen, eine nicht zu überschätzende Rolle ein.

Kühe an den Ghats von Pushkar, Rajasthan

Bedeutung der heiligen Kuh im Hinduismus

Die heilige Kuh spendet die fünf heiligen Gaben in Form von

  • Milch, die sich z.B. als Chai zubereitet besonderer Beliebtheit in Indien erfreut,
  • Ghee, der nicht nur in der indischen Küche, sondern auch in religiösen Zeremonien zum Einsatz kommt,
  • Dung, der traditionell als Brennstoff, Dünger und für den Hausbau genutzt wird,
  • Urin, der in der Medizin Verwendung findet und dem ebenfalls eine sakrale Bedeutung beigemessen wird, und
  • dem Joghurt-Getränk Lassi, der kalt getrunken an heißen Tagen Abkühlung verschafft.

Außerdem gilt die Kuh als Sitz aller Götter, so findet sich Shiva im Gesicht wieder, Brahma im Buckel und in den Hufen die heiligen Berge, um nur einige zu nennen. Eine Kuh hat auf der Straße immer Vorfahrt, sie mit dem Auto versehentlich anzufahren, steht unter Strafe und wer gar eine Kuh tötet, begeht in den Augen eines gläubigen Hindus einen Mord.

Kühe werden herausgeputzt zum Pongal Fest

Kuh-Asyl in Goshala’s

So könnte man meinen, dass es indischen Kühen besonders gut ergeht, sie gehegt, gepflegt und verhätschelt werden, bis sie eines Tages friedlich entschlafen. Tatsächlich stößt man bei diesem Thema aber zwangsläufig auf eines von vielen Paradoxa in Indien. Denn die in Städten lebenden Kühe streunen spindeldürr und scheinbar herrenlos durch die Straßen und machen sich hungrig über den Müll her. Das war in alten Zeiten sicherlich eine nette Recyclingidee. Allerdings finden sich heute in den Abfallbergen nicht nur Essensreste, sondern auch jede Menge Pappe und Plastik, das schließlich in den hungrigen Kuhmagen landet.

Glückliche Stadtkühe werden an Futterstellen versorgt, die hier und da von gläubigen Hindus eingerichtet werden, oder sie finden Asyl in sogenannten Goshalas’s, indische Kuh-Auffangstationen, die verstoßene, kranke oder alte Kühe aufpäppeln und sich um sie kümmern. Nicht ganz so glückliche Kühe fristen ihr Dasein weiter vernachlässigt und unterernährt innerhalb Betonwüsten. Und – kaum denkbar in Indien – unglückliche Kühe werden sogar geschlachtet.

Hungrige Kuh am Stand in Indien

Indien als Rindfleischexporteur

Obwohl in Indien 80% dem hinduistischen Glauben angehören und das Schlachten von Kühen in vielen Bundesstaaten gesetzlich verboten ist, hat sich das Land paradoxerweise zu einem der größten Rindfleischexporteure der Welt entwickelt. Offiziell wird nur Büffelfleisch exportiert, das grundsätzlich nicht als heilig gilt, allerdings wird gemunkelt, dass ebenfalls Kühe mit allerhand Tricks in den vielen, illegalen Schlachthäusern verarbeitet werden.

Das schon immer Rind in Indien konsumiert wurde, wird spätestens mit Blick auf die rund 200 Millionen Moslems und 20 Millionen Christen klar, die in Indien leben und sich das rote Fleisch gerne schmecken lassen. Aber auch Unberührbare, Angehörige der untersten Kaste Indiens, sind auf Rindfleisch zum Überleben angewiesen – Sie essen das Fleisch, sie entsorgen die Kadaver verstorbener Kühe und arbeiten in der Lederindustrie.

Und mittlerweile genießen durchaus auch junge, moderne Inder, die sich den Traditionen nicht mehr ganz so verpflichtet fühlen, Hamburger und Steaks in den Restaurants der Großstädte oder lassen es sich rauschgiftähnlich von Metzger-Dealern heimlich nach Hause liefern.

In einem so riesigen Land wie Indien, birgt das Thema viel Zündstoff. So kam es in der Vergangenheit durchaus vor, dass militante Hinduisten den rindfleischessenden Moslems an den Kragen gegangen sind. Ende Mai 2017 wurde ein landesweites Schlachtungsverbot für Kühe durchgesetzt. Auch zu dieser Entscheidung gehen die Meinungen deutlich auseinander. Bleibt zu hoffen, dass Indien wie immer einen Weg findet und das friedliche Miteinander aller Religionen gewahrt bleibt.

Bauer in den Backwaters treiben ihre Kühe von der Weide, Kerala

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